Die Frage, ob man Liederschreiben, also Dichten und Komponieren lernen kann, ist so alt wie albern. Bei der Komposition von Musik fragt sich das auch ernsthaft niemand, da man „schon immer“ Komposition studieren konnte. Beim literarischen Schreiben hält sich jedoch hartnäckig das Gerücht, dass einem das eben gegeben sei oder nicht. Natürlich gibt es, seit die Menschen dichten, auch Dichter, die sich über die Gesetzmäßigkeiten, Regeln und Methoden Gedanken machen. Kann man durch Nachdenken besser verstehen, wie Sprache funktioniert? Wie Klänge wirken? Was Worte in uns auslösen? Natürlich kann man das. Man kann sogar üben, bessere Ideen zu bekommen – denn es gibt viele Wege, Ideen für Gedichte und Lieder zu finden, und sicher wendet man das ein- oder andere aus dem Bauch heraus an. Hier gilt wie fast überall: Man kann von anderen Schreibenden lernen, man kann Schreibmethoden, Schreibstile, Arten, wie Texte aufgebaut sind und Arten, wie Texte in verschiedenen Genres funktionieren und wirken, anschauen, verstehen und sich darin üben, die so erkannten Gesetzmäßigkeiten selbst anzuwenden in neuen Liedern oder Songs.
Wichtiger als die Frage, ob man Liederschreiben lernen kann, ist meiner Meinung nach die Frage, zu welchem Zweck man lernen möchte. Wer das Liederschreiben zu seinem Beruf macht, sieht sich in der ewigen Spannung zwischen dem ursprünglichen künstlerischen Impuls, der überhaupt zu der verwegenen Idee geführt hat, dass man sein Leben auswringen und in Zeilen dengeln möchte und diese dann auch noch vor Publikum zum Besten geben möchte – und der schnöden Notwendigkeit, dass Kohle reinkommen muss. Während es recht einfach ist, bis zu einem bestimmten Niveau als ausführende Musiker*in in Cover-Bands sein Leben zu bestreiten, ist es eine ganz andere Nummer, das Gleiche mit eigenen Liedern oder Songs zu erreichen. Täglich werden sechsstellige Zahlen von Songs neu und zusätzlich auf den schwedischen Musik-Streaming-Moloch hochgeladen, davon mittlerweile viele, die von sogenannter KI erstellt wurde. Wer soll das hören? Das Angebot ist uferlos. Die Nachfrage nach ausgerechnet deinem Song? In der Regel am Anfang überschaubar. Warum tust du es also?
Betreibt man das Liederschreiben nicht als Kunsthandwerk und lebt man künstlerisch außerhalb der Sonderbiotope wie Schlager oder Metal, kann die Antwort nur lauten: Ich schreibe Lieder, weil ich nicht anders kann. Wenn es also eine innere Notwendigkeit ist, Lieder zu schreiben, so muss sich das Lernenwollen auch genau dahin richten: Nach innen. Natürlich kann und sollte man das Handwerk beherrschen, sowohl was das Dichten als auch was das Komponieren betrifft, man sollte auch Singen lernen und bitte auch sein Begleitinstrument üben. Aber all das ist doch eine Zumutung für die Zeitgenossen, wenn man eigentlich nicht weiß, was man zu sagen hat und sich das auch in den Liedern niederschlägt, die dann für die Zuhörenden oft genau das sind: Niederschlagend. Nichtssagend. Lernen wir also Liederschreiben, dann liegt die Aufgabe ebenso im Äußeren, Strukturellen, Ästhetischen, Kunstfertigen als auch im Inneren, Ominösen, Unaussprechlichen, in den empfindlichen wie rätselhaften Verästelungen der Seele. Glänzende Oberfläche, flotte Reime, schmissige Melodien, alles gut, aber ohne die Liebe bist du doch nichts als klingendes Erz, wie es in der Bibel so schön heißt, jedenfalls ungefähr.
Ja, man kann es lernen, und man sollte sich darin üben, zum Kuckuck nochmal. Wie schade ist es, wenn man nicht nur seine Seele in ein paar Lieder gegossen, sondern auch noch die Ersparnisse samt Altersvorsorge geplündert hat, um sich mittels des glänzenden Firnis einer professionellen Studioproduktion doch irgendwie hinaufzuschrauben, würdig zu sein, vom Lichtstrahl der allgemeinen Aufmerksamkeit getroffen zu werden, was eh eher selten der Fall ist, weil, siehe oben, und dann aber gewahr wird, dass die Texte vielleicht mit etwas Mühe deutlich besser hätten sein können, das Metrum rhythmischer, die Bilder stärker und die Melodie vielleicht doch mehr als der statische Pseudorap über die immer gleichen geschrappten Akkorde. Am Ende ist man pleite und schämt sich. Nein, natürlich nicht. Alles ist ein Schritt. Jedes Lied eine Manifestation eines aktuellen Zustands auf dem Weg hinauf zum Dichter-Pantheon. Wäre es günstig, auf diesem Weg eher kleine Schritte oder eher große Schritte zu machen? Blöde Frage, große natürlich. Heißt: Mehr Fortschritt in den eigenen Fähigkeiten. Das Schlimmste ist das Schweigen der Kolleginnen und Kollegen. Man kann sich aber damit trösten, dass es nicht heißt, dass sie das, was du gemacht hast, nicht gut fänden. Viel wahrscheinlicher ist es doch, dass sie es gar nicht interessiert. Und zwar nicht aus Bosheit heraus, sondern aus dem einfachen Umstand, dass doch jeder ziemlich in seiner Tonne sitzt und nur bemerkt, wenn jemand ihnen in der Sonne steht. Für die Gefühlslage in der Nachbartonne ist recht wenig Energie übrig, bei dem ganzen Hustle um die Miete, siehe oben.
Was da hilft: Ein Lied, das die anderen aus den Socken haut. Dafür lohnt es sich, sich zu quälen, in Frage zu stellen, sich selbst vor den inneren Spiegel zu zerren und sich der Tatsache zu stellen, dass bei den eigenen Fähigkeiten in Sachen Dichtkunst und Musik natürlich noch Luft nach oben ist. Das Schöne bei alldem: Es macht glücklich.

Schreibe einen Kommentar